From: kris@black.schulung.netuse.de (Kristian Köhntopp) Subject: Sie keine Fahrkarte? Du 60 Mark! Date: 29 Oct 1994 09:08:00 +0100 "Sie keine Fahrkarte? Du 60 Mark!" Reisen bildet, ist doch klar. Aber glaubt mir das einer? Ist mir egal, ich weiß, daß dieses Sprichwort stimmt. Ich hab' es selber erlebt. Sie sind skeptisch? Das macht nichts; hören sie Sie zu - Verzeihung - lesen sie selbst: Es war vor einigen Tagen gegen 22.36 Uhr. Ich hatte Feierabend und erreichte meinen Regionalzug am Kieler Bahnhof; ich wollte nach Eckernförde. (Auto kaputt, daher die Bahnfahrt). Sechs Sitzreihen vor mir sitzt ein junger Mann, schwarzes Haar, vermutlich ein Asiate. Pünktlich rollt der Zug an. Nachdem der Bahnhof hinter uns liegt, wird die Abteiltür geöffnet: "Guten Abend! Die Fahrkarten bitte!" Nach der markanten Aufforderung greifen zahlreiche Hände in diverse Taschen und Brieftaschen. Der Kontrolleur schaut auf die Billets, nickt, alles in Ordnung, der Nächste bitte! Und dann geht es los: Der Asiate ist erreicht! Der folgende Dialog läßt die anderen Fahrgäste hellwach werden: Kontrolleur registriert den Ausländer: "Sie Fahrkarte?" "Nein ich keine Karte." "Du 60 Mark", ein streng ausgestreckter Zeigefinger deutet auf einen entsprechenden Anschlag der Deutschen Bahn. "Nein, ich keine 60 Mark!" "Doch, geht nicht, fahren ohne Karte!" Irritation bei Asiaten, weil der Zug ja trotzdem mit ihm fährt. Aber er erklärt dem Bahnbediensteten: "Ich spät, keine Zeit für Automat, sonst Zug weg. Ich renne in Zug, ich arbeite in Kiel, ich wohne in Flensburg, ich habe Zug gekriegt." "Aber Sie hätten Karte bei Zugfahrer kaufen müssen." "Ich nicht Zugfahrer." "Aber Sie hätten Karte kaufen müssen!" "Nein ich zu spät, ich gelaufen, ganz schnell, ich Zug gekriegt, ich keine Karte, will Karte kaufen." "Nein, so geht das nicht! Du 60 Mark! So teuer Schwarzfahren!" Die Reaktion ist eine abgrundtiefe asiatische Unverständlichkeit. Der Kontrolleur ist sichtlich genervt, bemüht sich aber sehr um Fassung und Freundlichkeit. Im Laufe der Diskussion geht es dann um die Personalien des Ertappten: "Sie Papiere?" - Ein fragender Blick des Asiaten ist die Folge. "Du Passport?" "Ja ich Passport." Ist das ein Trost für den geduldigen Kontrolleur? Wohl kaum, denn er muß schnell erfahren, daß das wichtige Dokument in der Wohnung des Schwarzfahrers sei. Um Gleichmut bemüht, werden die Personalien notiert. Der Zug überquert schnell den Nord-Ostsee-kanal, die Heimat rückt näher, und das Drama um die Fahrkarte und den Schwarzfahrer geht in die nächste dramatische Runde: "Du geboren?" "Ja ich geboren." "Natürlich, ist ja klar, ich meine, wo geboren?" "In China!" Der Stift des Kontrolleurs verharrt eine kurze Weile. Kommt jetzt ein schwieriger Name einer chinesischen Provinsstadt? Gott sei Dank nicht. Der Schreibkram ist erledigt, die Zahlkarte mit wohlmeinenden Erklärungen an den Mann gebracht und der Verwaltungsakt damit abgeschlossen. Im Vorbeigehen murmelt der Uniformierte fast schon verzweifelt: "Hoffentlich stimmt die Adresse." Er verläßt das Abteil und die Tür schließt sich hinter ihm. Die Tür ist zu, es vergeht kaum eine Sekunde, da klingt es vom Asiaten in DEUTSCH und ganz ohne Akzent: "So'n Schiet, warum muß der ausgerechnet heute kommen..." Gelächter und Beifallklatschen im Zug. Ich frag' mich aber seit diesem Erlebnis, ob man tatsächlich in der Bahn so schnell und so go Deutsch lernen kann. Ich werde mir wohl eine Monatskarte besorgen, denn Sprachen kann man gar nicht genug lernen. BRUNO DREWS Kieler Nachrichten vom Sonnabend, 29-Oct-1994 -- Kristian Köhntopp, Harmsstraße 98, 24114 Kiel, +49 431 676689 "Urnix - kannst Du verbrennen."