From: privat@karlvalentin.de (Karl Valentin)
Subject: Der fiese Computerraub
Date: 4 May 1999 23:16:37 GMT

Der fiese Computerraub

Es war einmal vor langer, langer Zeit, und ich finde es ausgesprochen
doof, daß ein Märchen immer so beginnen muß, denn es stimmt leider
nicht in jedem Fall. In diesem auch nicht, denn was ich euch nun
erzählen werde, ist noch gar nicht solange her.
Max sehnte sich nach ihr, aber sie hatte mal wieder keine Zeit für ihn.
"Laß mich ein" rief das Wasser vor nicht allzulanger Zeit der Badewanne
zu, aber da diese der Forderung allein nicht nachkommen konnte, eilte
Wilhelmine zur Hilfe und setzte sich schließlich auch noch zu dem
Wasser in die Wanne. Dort badete sie nun ihren jungen Körper mit allen
anzeigenüblichen Schönheiten.
Max hatte sie vergessen und das deprimierte ihn sehr. Schließlich war
er nicht irgendwer. Er war immerhin ihr Lieblingscomputer und er genoß
es immer wieder, wenn sie mit ihren zarten Fingern auf seinem Tastertur
herumtasterte.
Aber nun saß sie in der Wanne und er überlegte einsam und verlassen, ob
denn andere Computer auch so deprimiert sind und begann leise zu
schluchzen.
Lassen wir den Computer an diese Stelle einmal allein und wenden uns
wieder Wilhelmine zu. Wilhelmine hatte inzwischen ihr Bad beendet und
versuchte nun ihr Haar zu bändigen. Erfolgreich, wie ich an dieser
Stelle einmal anmerken möchte.
Frisch gebadet und gut gelaunt verließ sie das Badezimmer. sie wollte
noch etwas elektronische Post verschicken und ging deshalb fröhlich
pfeifend in Richtung Computer. Das Pfeifen verstummte jedoch plötzlich
und auch die gute Laune war verschwunden, aber nicht nur die, nein,
auch Max war nirgends zu entdecken. Er war wie vom Erdboden
verschwunden.
Nun war Wilhelmine deprimiert. Sie warf sich auf ihr Sofa und begann
in die Kissen zu heulen, so daß die Zimmerpflanzen ob der Wasserzufuhr
neidisch wurden.
Das Märchen hätte sich hier schon ein vorzeitiges Ende gefunden, wenn
da nicht diese Stimme erklungen wäre: "Wilhelmine!" sprach der Modem,
während er aufgeregt mit seinen Lämpchen herumblinkerte. "Wilhelmine!
Fiese Hacker haben deinen Max entführt. Sie haben ihn in ein
trojanisches Pferd gesteckt und schieben ihn nun in eine der finstersten
Ecken des Internets. Schnell, folge ihnen und rette deinen Max! Er ist
sonst für immer verloren und wird als SPAM-Relay mißbraucht."
Wilhelmine war geschockt von soviel Bösartigkeit, jedoch faßte sie
sich schnell und ein Herz und begann die Suche nach Max, gerüstet mit
einigen Bits, einer Feder und einer Firewall, weil sie ahnte, daß sie
so etwas gebrauchen kann.
Sie begann also ihre Reise und zwängte sich in die Telefonleitung. Ihr
habt ja überhaupt keine Ahnung, wie eng es in einer solchen
Telefonleitung ist und was es dort für merkwürdige Geräusche gibt, aber
Wilhelmine war tapfer und kroch weiter. Plötzlich hörte Sie eine Stimme
und sie vernahm auch einige Worte: "Durch diese hohle Gasse muß er
kommen." Wilhemine jedoch konnte sich keinen Reim darauf machen und
kroch weiter durch die Telefonleitung. Da sah sie plötzlich Licht
am Ende und schon befand sie sich in einem Raum, der Ähnlichkeiten
mit einer Postverteilungsanlage hatte.
"Schönes Fräulein, darf ichs wagen, Arm und Geleit ihnen anzutragen?"
ertönte da eine Stimme. "Wer spricht da?" fragte die verschüchterte
Wilhelmine. "Ich bin es, Cisco. Wohin möchtest Du?" Sie erzählte ihm
von ihrem Schicksal. "Hmm", meinte da Cisco, "so ein seltsames Gespann
kam vorhin hier vorbei und gingen da entlang." Er wies ihr einen Weg,
welchen sie sofort betrat, nachdem sie sich herzlichst bei Cisco bedankt
hatte.
Im Internet ist es viel angenehmer als in einer Telefonleitung - alles
ist viel größer. Wilhelmine also schritt und schritt durchs Internet,
bis sie plötzlich auf einen alten, bunt angemalten Mann mit langen
Haaren traf. "Wer bist du?" fragte sie mutig. "Ich bin ein Apache",
sprach der alte Mann. "Nun, weiser Medizinmann, fiese Hacker haben
meinen Max gekidnappt und in einem trojanischen Pferd verschleppt.
Kannst Du mir sagen, wo ich sie finde?" "Kleines Bleichgesichtmädchen,
ich würde Dir gerne helfen, doch verlor ich meine Feder und komme
nun nicht mehr an meine Informationen heran. Es ist klar, daß
Wilhelmine prompt dem alten Apachen ihre Feder schenkte, damit sie
an wertvolle Informationen gelangte. "Leider weiß ich nicht, wo
sich diese finstere Ecke des Netzes befindet, aber Du solltest die
Götter des frischen Fleisches befragen, sie wissen bestimmt Rat."
Wilhelmine bedankte sich artig und setzte ihren Weg fort. Schon
aus der Ferne konnte Wilhelmine den großen Berg frischen Fleisches
erkennen, und steuerte ihn direkt auf ihn zu.
"Was willst du?" wurde sie da angeknurrt. "Warum knurrt ihr so?"
fragte ängstlich Wilhelmine. "Seid ihr die Götter des frischen
Fleisches?" "Ja, sind wir", knurrte es zurück, "und uns hängt das
viele rohe Fleisch zum Halse raus. Deshalb sind wir so schlecht
gelaunt." "Möglicherweise könnte ich euch helfen." "Wie denn?"
"Nun, ich hätte da eine prima Firewall, auf der ihr das Fleisch braten
könntet."
Damit hatte sie bei den Göttern des frischen Fleisches einen Stein im
Brett, welcher so gleich in die gewünschte Information portiert
wurde. Endlich wußte Wilhelmine, wo sie ihren Max finden würde.
Schnell setzte sie ihren Weg fort und traf schon bald auf die
berüchtigte Hackerhöhle und schon von weitem konnte man hören, wie die
fiesen Hacker in ihrem Rausch mp3z gröhlten. Wilhelmine drehte schnell
ihr Basecap um und betrat die Höhle: "Hey, Hackerz, ich habe euch
<00l3 WaReZ mitgebracht." Sie packte die Bits aus, welche sich die
fiesen Hacker auch gleich hinterschütteten und schon bald schliefen
sie ein.
Wilhelmine näherte sich dem trojanischen Pferd, öffnete es, nahm ihren
Max unter den Arm und rannte schnell nach Hause. Dort angekommen
schnitt sie die Telefonleitung durch und versprach ihrem Max, daß sie
ihn nie wieder alleine lassen würde. Liebevoll begann sie seine
Tasten zu drücken und er dankte es mit einem lieblichen Surren des
Netzteils. Und wenn der Strom nicht ausgefallen ist, haben sie sich
auch heute noch unheimlich lieb.

Euer Märchenonkel

-- 
It's better to burn out than to fade away

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