From: mkottenhahn@gmx.net (Mickey Kottenhahn) Subject: Re: rettet das butterbrot Date: Sat, 19 Jun 1999 23:54:53 +0200 Henning Sponbiel - Sun, 13 Jun 1999 07:40:45 GMT: <7jvn83$oa$11@fu-berlin.de> >Und jetzt rueck endlich raus mit der Vorgeschichte! Die Vorgeschichte? Also gut... Am Anfang war das Brötchen. Und das Brötchen war beliebt. Kein Bäcker, der es sich nicht leisten konnte, ihm tagtäglich durch völlig verfrühtes Aufstehen und in die Backstube gehen seinen Tribut zu zollen, es tagtäglich aufs Neue zu produzieren und dem frühstückenwollenden Volke darzubringen. Und das Brötchen war lecker. Und immer frisch und knusprig. Täglich frisch. Und es war vielseitig. Man konnte es nehmen, wie man wollte. Der eine schwor auf Marmelade, der nächste mochte es sich mit Wurst und Käse bepacken. Man schnitt es auf und aß die beiden Hälften entweder wieder zusammengeklappt oder auch getrennt voneinander. Letztere Eigenschaft hatte dabei sogar eine soziale Komponente. Kaum ein Lebensmittel ließ sich so leicht teilen wie ein Brötchen. Egal ob man es nun quer, längs oder in der Mitte durchschnitt, oder es gar einfach durchbrach. Doch mit der Zeit merkten die Leute, daß Wurst&Käse, Marmelade&Quark oder Nutella&Senf nicht die einzigen Möglichkeiten sein könnten, die man der Verfeinerung des Brötchens angedeihen lassen konnte. Es entbrannte daraufhin der Butter/Margarine-Krieg. Während die einen meinten, nur "gute" Butter sei gut genug für ein Brötchen, stellten die anderen die These auf, daß Margarine doch zumindest ebenso gut, wenn nicht besser schmecken würde und darüberhinaus auch noch erheblich finanzschonender sei. Der Streit weitete sich aus. Die Milchbauern und Butterschüttler beschuldigten die Pflanzenfettbauern und die Sonnenblumenzüchter, ihren Markt mit billigen Butterimitaten zu unterwandern, die Sonnenblumenzüchter wollten daraufhin gemeinsam mit den Pflanzenfettbauern gegen die Milchbauern und Butterschüttler vorgehen, doch dann stellten sie fest, daß sie doch gleichermaßen die Pflanzenfettbauern verdrängen müßten, da diese doch die Preise für echte Sonnenblumenmargarine nochmals unterboten. Als dann noch die Minderheit der Halbfettmargarinenerzeugenden Chemiefirmen auf den Plan kamen, die allen anderen vorwarf, mit ihren Produkten die gesundheitlichen Belange der Verbraucher nicht zu berücksichtigen und viel zu viel Fett, Cholesterin und Kalorien in diese zu schütten. Nicht auszudenken, was noch hätte geschehen können, wenn darüberhinaus auch der Aufruf eines vermeintlich schlauen Managers der Firma Thymo nicht ungehört verhallt wäre, doch einfach zur Abwechslung Mayonnaise aufs Brötchen zu schmieren, weil diese doch einfach aus der Tube gepreßt werden könnte und nicht erst umständlich mit dem Messer abgekratzt und veteilt werden müsse. Dennoch: Das Chaos war fast perfekt. Doch nein, jetzt ging es erst richtig los. Angestachelt durch die Interessen der Industrie kam es immer öfter zu Übergriffen militanter Butteresser auf nicht minder militante Margarinenesser und umgekehrt. Sonnenblumenmargarinefans bewarfen Pflanzenmargarinefans mit Halbfettmargarine, Halbfettmargarineessende Diätasketen erhitzten kisstenweise Butter, die sie auf die LKWs der Firmen schütteten und somit eine ganz schöne Sauerei anrichteten. Nun rief dieses sowohl die Butter- als auch die "Echt"-Margarinekonsumenten auf den Plan gegen die Halbfettmargarinler, die sich jedoch von den konspirativen Bemühungen - gestützt durch die Produzenten anderer Diätprodukte - reichlich unbeeindruckt zeigten und einen gigantischen Werbefeldzug in der Tagespresse und insbesondere in den Reportage- sendungen des "Reality"-TVs starteten, der die Schädlichkeit von Butter gegen die von Margarine abwägte, natürlich ohne dabei ein Ergebnis zu präsentieren. Das Ergebnis dieser Aktion kam wie erwartet: Statt sich gemeinsam auf die Halbfettanhänger zu stürzen, fielen nun wieder die Butter- und die Margarinefreunde gegenseitig übereinander her, einigten sich nur noch zuvor schnell, daß es müßig sei, die paar Halbfetten überhaupt zu beachten, sondern sich vielmehr auf die viel fundamentalere Frage zu konzentrieren, ob man das Brötchen nun mit Butter oder Margarine zu schmieren hätte. Die Fronten waren verhärtet, und so kam es an jenem denkwürdigen Junitag zu gleich zwei für den Fortgang der Geschichte bedeutenden Handlung. Das erste war beinahe nebensächlich und wurde von der Öffentlichkeit nur nebenbei zur Kenntnis genommen, während die zweite zu einem traumhaften Großaufgebot von Polizei, Feuerwehr, Presse und Fettentsorgungsexperten führte. Am Morgen jenes Tages kam ein Bäckermeister in einem kleinen namentlich nicht bekannten Dörfchen auf den absurd erscheinenden Gedanken, daß es eigentlich gar nicht die Frage nach Butter oder Margarine war, die den Geschmack des Brötchens ausmachte, sondern vielmehr das Brötchen selbst. Und er überlegte, was er tun könnte. Ungefähr zur gleichen Zeit begann eine Handvoll Butterianer sich auf dem Parkplatz eines aus rechtlichen Gründen nicht genanntwerdenwollenden Lebensmitteldiscounts in der Nähe des A**i-Äquators zu versammeln, eigentlich eher zufällig, begannen sie dann darüber zu diskutieren, wie man es den Margarinisten mal "so richtig zeigen" könnte. Dieses wurde von einer älteren Dame, die dem Margarinelager angehörte, argwöhnisch beäugt und sie konnte es sich nicht sparen, ihrem Gatten von ihrer Beobachtung zu berichten, mußte dabei aber auch gleich in typisch frauensleutmäßiger Manier maßlos übertreiben, auf das der arme Mann glauben mußte, daß sich an genanntem Ort gleich Hundertschaften von Butterspinnern versammelt haben müßten. Und weil er einen guten Kontakt zur Margarinebewegung hatte, informierte er den Ortsgruppenleiter, der wiederum in einer beispiellosen Kettenreaktion gleich mehrere Busladungen mit Margarinisten aus dem ganzen Bundesgebiet anreisen ließ, was aber wiederum von den Butterianern rechtzeitig erkannt wurde und diese sich auf ähnliche Weise zusammenrotteten. Gegen Mittag standen die Fronten auf besagtem Parkplatz gegenüber. Eintreffende Polizeikräfte riegelten die Umgebung hermetisch ab, damit kein Unbeteiligter Passant über eventuellen Butter- oder Margarinepfützen stolpern und sich ein Bein oder schlimmeres brechen konnten, Feuerwehrkräfte suchten nach Rauchern und ermahnten sie zur vorübergehenden Enthaltsamkeit, da Fett in den gerade zusammengesammelten Mengen leicht brennbar sein könnte. Reporter von allen TV-Stationen und von allen Boulevardblättern im In- und Ausland ließen es sich nicht nehmen, ein paar Bilder für die sensationslüsterne Bevölkerung aufzuschnappen und ein Trupp aufrechter Wahrheitsfinder fand sich gleichfalls am Ort des Geschehens ein, als bekannt wurde, daß einer der Busse, mit denen die Schlachtenbummler eintrafen, angeblich ein "BI" auf dem Autokennzeichen hatte und gleich nachprüfen wollten, was *SIE* denn hier zu suchen hätten. Dabei sah es eigentlich noch ganz friedlich aus. Die Fronten standen sich gegenüber, fuchtelten mit Butterpäckchen oder Suppenkellen voll Margarine in Wurfkugelgröße und beschrien sich gegenseitig. Bis plötzlich aus dem Margarinelager der erste Suppenkellenladung Sonnenblumenmargarine blindlings ins Butterlager hinüberflog. Sie traf einen der dort eigentlich eher zufällig mit hineingeratenen "Mir doch egal, was ich aufm Brötchen hab"-Egalisten, der sich aber nun keine Blöße geben durfte. Er ergriff das Stück Butter, daß die Frauensleut neben ihm in der Hand hielt und ohne groß darüber nachzudenken, schmiß er es mit den denkwürdigen Worten "Wer hat denn hier den ersten Stein ähm die Margarine geworfen?" in die auf der anderen Seite des Parkplatzes stehende Menge. Den Rest kann man sich schon denken. Von da an dauerte es nicht mehr lange, bis man nicht mehr erkennen konnte, was da eigentlich in welche Richtung flog, es war nur noch ein einziges Fett-Hin-und-her und eine Schmiererei ohne Ende. Dieses bekam auch der bereits erwähnte Bäckermeister aus dem kleinen namentlich nicht bekannten Dörfchen mit und mit der mittlerweile entstandenen Idee im Rucksack machte er sich auf an den Ort des Geschehens. Seine Idee war simpel, aber gerade deswegen umso genialer. Mit heroischer Geste stellte er sich zwischen die verhärteten bzw. verhärtet erscheinenden und dennoch butterweichen (bzw. auch margarineweichen) Fronten, riß die Arme hoch, fing sich noch je ein paar Pfund Butter und Margarine ein und schrie alsdann los: "Oh so haltet ein! Bedenket Euer gräßlich Tun!" (rethorische Pause) "Überlegt doch mal, was ihr hier macht" und erstaunlicherweise hatte er es durch sein beherztes Eingreifen geschafft, die Aufmerksamkeit der erzürnten Menge auf sich zu lenken, und plötzlich herrschte ergriffenes Schweigen ob der Bewunderung, daß ein einzelner es wagen konnte, sich einfach so zwischen die Fronten zu stellen. Nun konnte er darlegen, worüber er schon den ganzen Tag gegrübelt hatte. Die aufmerksam gewordenen Polizeihundert- schaften nutzten die Gelegenheit, aus beiden Lagern schnell die wildesten Unruhestifter herauszuziehen (Gerüchte, nach denen sich auch der Chef einer großen deutschen Margarinefabrik darunter befand, wurde von den Sicherheitskräften nicht bestätigt und von betroffenem Konzern natürlich aufs Heftigste dementiert). Davon unbeeindruckt hub der Bäckermeister zu seiner im Geiste vorbereiteten Rede an. "Ihr streitet euch darum, was denn nun aufs Brötchen geschmiert werden soll? Ihr streitet euch darum, ob es moralisch verwerflicher sei, einer unschuldigen Kuh ein paar Liter Milch abzuzapfen, um daraus Butter zu schütteln oder eine nicht minder unschuldige Sonnenblume ihrer Kerne zu berauben, um aus dem in diesen enthaltenen Fett Sonnenblumenmargarine zu pressen. Letzten Endes ist das doch alles gar nicht die Frage. Habt ihr nicht mal darüber nachgedacht, was denn dann auf die Margarine oder Butter noch draufkommt, bevor ihr das Brötchen verzehrt?" er wußte, welche Antwort kam und einer sagte sie "Ich tue mir Wurst drauf, meine Frau Marmelade, mein Sohn will Nutella. Aber was hat das denn damit zu tun?" - "Eben alles! Hast Du Dich mit Deiner Frau schonmal gestritten, weil sie eben *keine* Wurst aufs Brötchen legt?" - "Nein, darüber nicht. Aber warum? Ist doch Geschmackssache". Damit hatte der Bäckermeister fast gewonnen. Aber er mußte noch einen weiteren Trumpf aufspielen, um seinen Plan zu verwirklichen. Natürlich durfte er jetzt nicht verraten, daß er eigentlich nur von der Erkenntnis besselt war, daß alle hier Beteiligten in der Zeit, wo sie über den Brötchenbelag stritten, kaum Zeit hätten, die Brötchen auch zu essen, was für ihn und die ganze Bäckerzunft bereits zu merklichen Umsatzeinbußen geführt hatte - und das sollte natürlich ein Ende finden. Und er holte aus seinem mitgebrachten Rucksack eine Brötchentüte, während er sprach "Nun seht, was ich hier habe" - "Eine Tüte Brötchen - na und" rief einer aus der Menge, die sich inzwischen derart um den Bäckermeister zusammengesammelt hatte, daß man als Außenstehender kaum noch bis gar nicht mehr imstande sein konnte, zu sagen welche Fraktion nun wo stand - auch die versammelte Presse war verwirrt und konnte das Geschehen nur mit Mühe in hinreichender Weise dokumentieren. "Es sind aber nicht einfach nur 'Brötchen' in dieser Tüte", sprach der Bäckermeister weiter, "nun seht doch erst." Und er zog einige Backwaren aus der Tüte, welche zwar irgendwie nach Brötchen aussahen, andererseits aber auch irgendwie anders. Er erklärte "Ich habe mir lange den Kopf zerbrochen um etwas zu finden um eure Frühstückspläne etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Sehet: Hier ist zur Abwechslung das Mohnbrötchen, dann das Roggenbrötchen, hier besonders interessant das Vollkornbrötchen und zur besonderen Krönung das Baguettebrötchen. Und ich habe noch unzählige weitere Brötchenideen" Aus der Menge rief einer "Und wozu soll das gut sein?" "Probier's selbst", sprach's, nahm das Roggenbrötchen, schnitt es auf, bestrich die eine Hälfte mit Butter, die andere mit Margarine und ohne erkennen zu lassen, welche Hälfte womit bestrichen war, reichte er beide dem Fragenden. Dieser wagte zögerlich den Test. Sein Ausruf "Mir scheint, es gibt mehr als nur 'das' Brötchen" wurde legendär und in 130 Ländern der Welt per TV live übertragen zum Wahlspruch für Bäcker aus allen Ländern, die sich sogleich anschickten, ihre Brötchenpalette zu erweitern. Das dem Testling nun gar nicht auffiel, welches Brötchenteil mit Butter und welches mit Margarine beschmiert war, wurde als untrügliches Zeichen für die neue Vielfalt des Brötchens und dem daraus entstehenden Qualitäts- gewinn von der Presse vorweginterpretiert. Nun war der Plan unseres Bäckermeisters aber tatsächlich noch etwas tiefgründiger. Er wußte, daß es hinreichend Streitpotential für die Frage gab, welches Brötchen denn nun das Beste sei. Aber genau das wollte er und zog von dannen, woraufhin sich auch die Menschen zurück in die Busse verzogen und den Heimweg antraten. Nun galt es noch, den nun auftretensollenden Streit anzustacheln um die Frage, was man denn auf Butter oder Margarine draufpacken könnte - was von den Bäckerei- geschäften mit dem Slogan "Wurst oder Käse? Hauptsache Marmelade!", "Nuß-Nougat-Creme oder Ahornsirup - Hauptsache Schinken" und zahlreichen weiteren Permutationen dieser Aussagen in geradezu drastischer Weise gefördert wurde. Aber wie zu erwarten sein durfte, konnte es kaum gelingen, daß sich hierüber erneut harte Fronten bildete, da sich schnell herausstellte, daß es mehr Brötchen-Butter/Margarine-Aufschnitt/ Aufstrich-Kombinationen als Brötchenesser gab und insbesondere auch noch Kombinationsmöglichkeiten mit mehr als nur einem Aufschnitt/Aufstrich denkbar wurden. Jeder Versuch, eine bestimmte Kombination als einzig wahre Brötchen-Darreichung zu präsentieren wäre also auf einen Kampf Jeder gegen jeden hinausgelaufen. Dieses wurde schnell jedem Brötchenesser klar, aber auch - und das war das Entscheidende - das es einfach besser sei, sich an der Vielfalt des Brötchens zu erfreuen, anstatt eine einzige Inkarnation besonders herauszuheben. Und fortan begann ein langer tiefer Frieden um das Brötchen als einzig wahre Frühstücksangelegenheit. Was dann aber geschah, als ein vermeintlich schlauer Kopf auf die Idee kam, daß man das Brötchen doch eigentlich auch nach dem Frühstück noch in den Speiseplan einbauen könnte und wie es dann dazu kam, daß der Leberkäse vom Brötchen abgekoppelt wurde und stattdessen mit geradezu perver^Wunansehnlichen A**di-Zutaten kombiniert wurde, erzähle ich erst, wenn eine Fortsetzung gewünscht werden sollte. (Markus) Mickey Kottenhahn -- /--------\ _Mein_Platz_im_Netz_________________________________________ / Mitglied \ http://home.pages.de/~mickeyk/ \ im ADFC /________________________________Die_Realität[tm]____________ \--------/ http://www.detebe.de/mickey/