From: privat@karlvalentin.de (Karl Valentin) Subject: Die Sache mit dem Löwenzahn Organization: Karl Valentin Online Die Sache mit dem Löwenzahn Es war einmal vor langer, langer Zeit, da lebte in einem kleinen Ort fernab jeglicher Zivilisation ein hübsches, junges Mädchen. Es hatte langes Haar, welches so schön schwarz wie ein Raucherbein war. Ihr Gesicht wirkte dadurch etwas blaß, denn es war weiß wie Schnee, obwohl sie sich nie die Nase puderte. Und Lippen hatte sie auch. Und was für welche. Die waren so rot wie ein Erythrozytenkonzentrat. Möglicherweise wird jetzt jemand meinen: "Hey, das Mädel kenn ich doch." und dabei an Schneewittchen denken und ich muß gestehen, so ganz unrecht habt ihr damit nicht. Schneewittchen war die Cousine von Clara, welches wiederum die Person ist, die ich anfangs beschrieb. Auffällig ist, daß sie beide Probleme mit Kongruenzsätzen haben, aber das nur nebenbei. Jedenfalls war Schneewittchen die Base von Clara und aufgrund des chmeischen Gleichgewichts sauer. Zu allem Überfluß ging auch noch etwas völlig schief und zwar tauchte eine Fee auf. Na gut, wird der erfahre Märchenkenner meinen, daß kommt ja in den besten Märchen vor. Nur leider tauchte die Fee irrtümlicher- weise bei Schneewittchen auf und überbrachte dieser eine Postwurfsendung, welche aus einem Gutschein für drei Wünsche bestand: In der Nachbarschaft hatte sich gerade ein Magier niedergelassen und machte nun derart tolle Eröffnungsangebote. Schneewittchen schritt also zu dem Zauberfritzen und wünschte wild drauflos: "Ich möchte ein Grmbl, ein Hmpf und die Vernichtung des Löwenzahns" "Grmbl", meinte da der Schwarzkünstler, "hmpf, naja, wenn es denn sein muß, wird der Löwenzahn eben ausgerottet. Simsaladingsbums, naja, du weißt schon, was ich meine." Der Zauberkünstler wedelte mit seinem Stab und wirbelte somit den ganzen Staub auf. Schneewittchen mußte nießen und das muß dann wohl auch der Grund gewesen sein, daß die Kristallkugel zerbrach. Während der Hexer in der nächsten Kneipe versuchte, durch übermäßigen Konsum von Hopfenblütentee an eine neue Kristallkugel zu kommen, kam es anderen Ortes zu einer Katastrophe. Die Angabe "anderer Ort" ist eigentlich etwas irreführend, denn der Löwenzahn fehlte ja nun weltweit und viele Tiere mußten nun auf diese leckere Speise verzichten. Besonders schlimm war es aber in oben genannter Gegend jenseits der Zivilisation, weil dort die Menschen etwas anders waren. Aus irgend einem niederen Grund ernährten sich die Leute dort nur von Löwenzahn. Es ist ja auch verständlich. Wer würde denn schon gern so ein saftiges, grünes Blatt von seinem Teller entfernen? Wer könnte sich noch zurückhalten, wenn eine Blüte strahlend gelb sich in Reichweite befindet? Viele könnten das sicher, aber eben diese Völkchen konnte es nicht. Plötzlich fehlte also jede Nahrungsgrundlage und es ist nicht mal mehr notwendig, diese Hungersnot durch eine große Dürre oder einen bitteren Winter herbeizurufen. Wie ich gerade feststelle, ist das ein hübscher Beginn für ein Action- Märchen. Schließlich sind es nur drei Tage, in denen der Löwenzahn wieder zurückgebracht werden muß. Anderenfalls würde...was erzähl ich das eigentlich? Der Fall tritt ja doch nicht ein. Clara machte sich also auf den Weg, aber nicht alleine - Rosa und Ernst begleiteten sie. Und da die Zeit ja bekanntlich knapp war, rannten sie. Und schon stellte es sich der erste Vorteil heraus: Wenn man alleine rennt, muß man auch den ganzen Weg alleine rennen. Ist man aber nicht alleine unterwegs, kann man sich abwechseln. Also rannte jede Person nur ein Drittel des Weges. Nach dem sie eine Weile gelaufen sind, hörten sie plötzlich ein lautes Brüllen, aber da sie ja zu dritt und damit auch dreimal so mutig waren, folgten sie dem Gebrüll und fanden auch dessen Ursache: Ein Löwe schrie vor lauter Wut, weil ja plötzlich all seine Zähne verschwunden waren, ihm Spinat nicht schmeckte und die Zoomensa nichts anderes im Angebot hatte. "Ei", meinte da Rosa, "es ist schon ein Vorteil, daß man vom Löwen nicht mehr gebissen werden kann." "Und es ist von Vorteil", meinte Clara, "wenn der Löwe seine Zähne wiederhat, weil er dann nicht mehr so brüllt und es somit schön ruhig ist." "Hammerhart!" meinte da Ernst. "Das sind ja gleich zwei Vorteile auf einmal." Die drei hatten noch genug Weg vor sich, und so ließen sie den Löwen links liegen, auch wenn die Quellen sich nicht einig sind, ob der Löwe nun links oder rechts lag, aber es ist nur ein weiterer Vorteil, daß man sich um solche Kleinigkeiten kümmern muß. Jedenfalls überquerten sie mittlerweile sieben Berge und landeten in einer Modelleisenbahnanlage^W kleinen Stadt mit lauter kleinen Einwohnern, die damit beschäftigt waren, Giftäpfel zu produzieren, denn der damalige Prototyp fand derart viele begeisterte Abnehmer, daß die böse Königen zu einer gemachten Frau wurde. Das Modell wurde inzwischen etwas verfeinert, sodaß man rechtzeitig mitbekommt, daß man stirbt und seinen Tod so in vollen Zügen genießen kann. Das ist gegenüber dem doch recht primitiven Prototypen ein enormer Vorteil und nunmehr schon der fünfte Vorteil im Laufe der Geschichte. 'Fünf Vorteile?' dachte sich da der inzwischen blaublütige Magier. 'Fünf Vorteile? Das klingt überzeugend. Und es kostet nicht mal was? Da muß ich natürlich zugreifen.' "Simsalabim. Es macht zwar keinen Sinn, doch mach alles wieder hin." sprach der Schwarzkünstler und der alte Zustand war urplötzlich wiederhergestellt. Das ärgerte jetzt Clara, Rosa und Ernst sehr, denn das Ziel war erreicht, ohne daß sie etwas dazu beitrugen. Sie stampften zornig mit dem Fuß auf und verschwanden für immer im Erdboden, aber das ist ja egal, da es wieder Löwenzahn gab und Schneewittchen noch immer die schönste Person im Lande war. Und wenn sie alle nicht gestorben sind, sucht der Zauberer noch heute die Scherben und Splitter seiner Kristallkugel zusammen. Euer Märchenonkel -- Wir sind zu nah an der Wahrheit, zu nah am Leben, zu penetrant, um ignoriert zu werden. Uns hört man nicht so nebenbei, wir wollen alles oder nichts. Wir fordern Dich heraus. Sieh der Wahrheit ins Gesicht! [B.O.]